Samstag, 18. Januar 2014

Fundiert fantasieren - Recherche für Autoren

© Fluffytheartist | deviantart




Wozu recherchieren wenn man doch eine fiktive Geschichte erzählt? Man könnte sich doch einfach alles ausdenken und an Stellen an denen man sich nicht auskennt, möglichst vage bleiben.
Könnte man. Sollte man aber nicht.
Recherche ist aus dem schriftstellerischen Prozess nahezu nicht wegzudenken. Natürlich vaiieren Ausmaß und Notwendigkeit je nach Genre. Ein historischer Roman wird in den meisten Fällen recherche-intensiver sein als eine zeitgenössische Liebesgeschichte oder ein Kinderbuch. Früher oder später wird sich aber jeder einmal genötigt sehen, sein persönliches Wissen zu ergänzen um über etwas schreiben zu können.

Für viele klingt "recherchieren" aufwändig und sperrig. Für manchen mag es sogar dazu führen, dass er oder sie lieber gar nicht erst mit dem Schreiben anfängt statt sich mit dem gefürchteten Bücherwälzen herumzuschlagen. 
Ich finde die Angst vor der Recherche unbegründet. Natürlich, ich tue mich nach mehr als sieben Jahren universitärem Dasein leicht damit, aber das hat damit nur begrenzt zu tun. Man muss nicht auf der Uni gewesen sein um eine anständige Recherche für sein Werk zu Stande zu bringen. Vielleicht muss man aber mal eine betreten.

Eine goldene Regel des Schreibens lautet: Schreibe was du weißt. Erzähle von Dingen, die du kennst. Wenn ich mich immer daran halten würde, würde das meinen Schreibumfang erheblich limitieren und all meine Charaktere kämen ein wenig wie Klone daher.
Natürlich steckt in diesen Sätzen auch viel Wahrheit. Wer sich nie mit dem zweiten Weltkrieg und U-Booten beschäftigt hat, sollte vielleicht keinen historischen Roman schreiben der 1943 an Bord des U760 spielt. Aber nur weil ich (bisher) nichts über Webstühle weiß, heißt das nicht dass meine Heldin nicht eine begabte Weberin sein und ich das Thema nicht behandeln kann.

Recherche war noch nie so einfach wie heute. Die meisten Bibliotheken haben Online-Kataloge, Universitäten verfügen über Lizenzen zu Online-Ausgaben von Fachmagazinen, das Internet selbst steckt voller Informationen und der nächste Ansprechpartner ist nur eine Google-Suche und einige Klicks entfernt.

In diesem Jungel an Informationen kann man sich aber auch verirren. Man kommt vom Hundersten ins Tausendste, lässt sich von kleinen Anekdoten auf Abwege bringen. Plötzlich hat man etwas heraus gefunden dass viel spannender klingt als der eigentliche Plot den man hatte und man muss entscheiden: ändere ich alles um? Gebe ich meiner Idee eine neue Richtung oder übergehe ich mein Zusatzwissen? Kann ich es überhaupt übergehen oder muss ich aus Logikgründen darauf eingehen?

Ich kenne Leute, die fürchten die Recherche wie der Teufel das Weihwasser und ich kenne Leute, die haben ihren Spaß eigentlich gehabt wenn die Recherche erledigt ist. Jeder hat seinen eigenen Umgang damit, die einen üben sich im Minimalansatz, die anderen am Maximalprinzip.

Eines ist sicher: Recherche macht einen zum besseren Autor. Sie macht Geschichten besser. Das soll nicht bedeuten dass umfassendes Recherchieren einen ausgereiften Plot, lebendige Charaktere oder einen guten Stil ersetzen könnte. Aber ein fundierter Hintergrund gibt dem Ganzen Tiefe. Er verortet Charaktere in einem realistischen Leben. Ein Handwerker hat spezifisches Vokabular, ein Schwertkämpfer bewegt sich auf eine bestimmte Art und Weise, London im Jahr 1839 sah anders aus als heute, Menschen im Mittelalter hatten ein anderes Gottesbild als wir es heute haben. Diese Dinge einzufangen, wiederzugeben, glaubhaft einzubinden - das ist es was hilft, ein Buch besser zu machen.

Doch Recherche birgt auch Gefahren. Neben der schon genannten, sich darin zu verlieren und statt zu schreiben immer weiter und weiter zu suchen und zu lesen, auch die der Informationsüberflutung des Lesers. Da habe ich also gerade so wunderbar die Schafzucht in England im 19. Jahrhundert recherchiert und weiß alles darüber. Wie wurden die Schafe gehalten, was bekamen sie zu fressen, wie wurden sie geschoren, wer kaufte die Wollte, was kostete ein Sack Wolle, wo waren die Zentren der Zucht, wie erfolgte der Vertrieb? Damit all dies nicht umsonst war muss es hinein in den Text. Der Schäfer monologisiert vor sich hin, der junge Lord berichtet seiner Herzensdame ausschweifend darüber wie er sich an der Wolle eine goldene Nase verdient hat und der Händler klagt seinem Kollegen sein Leid über die wachsende kontinentale Konkurrenz. Der Leser gähnt und langweilt sich, denn eigentlich wollte er einen historischen Roman über Liebe und Verrat im viktorianischen England lesen.

Gut zu recherchieren ist das eine. Das gewonnene Wissen so zu nutzen dass es die Geschichte bereichert und nicht beschwert ist das andere. Deshalb soll es hier in den nächsten Wochen noch ein paar Posts zu diesen Fragen geben:

#1 Recherche - Was muss ich recherchieren? Wie frei ist ein Autor?
#2 Recherche - Die Quellen. Der Prozess
#3 Recherche - Der Umgang mit dem Wissen

Dem ganzen ist noch ein Disclaimer hinterher zu schicken: Es gibt kein Patentrezept. Was für den einen funktioniert, kann dem anderen den letzten Nerv rauben. Letztendlich muss man sich ausprobieren und herausfinden, was für einen selbst am besten funktioniert, wieviel Setting und spezifisches Wissen das eigene Werk erfordert und was zuviel wäre.
Die grundlegenden Fähigkeiten und Vorgehensweisen sind aber sicher für jeden von Vorteil.
Dazu in der nächsten Woche mehr!






Kommentare:

  1. Oh ja, ich erkenne mich, ich bekenne mich zum recherchibus maximus und zuvielschreibibus maximus...

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    1. ... vielleicht hatte ich dich sogar im Hinterkopf als es ums Maximalprinzip ging. Aber natürlich nur ganz eventuell.

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    2. Selbstverständlich ausschliesslich ganz eventuell :P

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