Samstag, 1. Februar 2014

Recherche #1: Was muss ich recherchieren? Wie frei ist ein Autor?

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Wie schon im einführenden Post erwähnt, wird vielen angehenden Autoren geraten: Schreibe, was du kennst. Ich habe schon dort vermerkt, dass ich damit nicht ganz konform gehe. Weil ich es nicht viel besser sagen könnte, verweise ich an dieser Stelle auf den kurzen Artikel von Literatur-Professor und Krimiautor Sergei Lobanov-Rostovsky, der dieses Credo einfach umdreht: Kenne, was du schreibst.

Was muss recherchiert werden?

Zur Frage, was und wieviel recherchiert werden muss und wo ein Autor frei ist zu tun und zu lassen (und vor allem zu schreiben) was er will, kann man sicherlich unterschiedliche Ansichten hegen. Ich folge der Philosophie: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

So wenig wie möglich: Weil ich mich sonst zu Tode recherchiere. Es gibt immer noch ein Ereignis, das bestimmt auch einen Einfluss auf die Entscheidung von General XYZ hatte die Schlacht so und so zu schlagen. Noch eine weitere Methode, wie man heutzutage DNA-Spuren auswerten kann. Noch eine andere Route, die der Protagonist durch die Stadt nehmen könnte, um am Ende am Schauplatz des Geschehens anzukommen.
Recherche ist dazu da, Sicherheit zu geben. Eine solide Basis zu schaffen, auf der man seine Geschichte oder auch nur Teile des Plots aufbauen kann. Wenn ich weiß wie etwas funktioniert, habe ich den Kopf frei darüber nachzudenken, warum meine Protagonistin so handelt wie sie es eben tut. Mir genügt es, eine Möglichkeit zu finden, die auf die Prämisse der jeweiligen Geschichte oder Szene passt. Mir macht Recherche Spaß, aber man kann sich darin verlieren.

Deshalb recherchiere ich punktuell, wo es nötig ist. Manchmal im Vorfeld, um ein gewisses Grundwissen zu einem Thema zu etablieren. Grundsätzlich aber genau an den Stellen, an denen es nötig ist, weil mir dort Wissen fehlt.

So viel wie nötig: Das setzt ein Grundverständnis dafür voraus, was dieses nötig im Kontext der Geschichte, die ich erzählen möchte, bedeutet. Ich muss wissen, wo es mir an Wissen mangelt, wo meine Figuren mir gegenüber vielleicht einen Wissensvorsprung haben, den ich aufholen muss, um ihnen gerecht zu werden.

Ein Beispiel:

Der Umfang des notwendigen Wissens steht immer in direktem Zusammenhang mit meiner Erzählintention. Wenn ich eine Liebesgeschichtes schreiben möchte, die 1976 in der BRD spielt, dann muss ich diese im historischen Kontext einordnen, meine Figuren werden vermutlich Schlaghosen tragen, vielleicht Rocky gucken und Donna Summers hören. Wenn der Fokus auf dieser persönlichen Beziehung liegt (die nicht durch äußere politische Umstände beeinflusst wird), dann genügt es, eine entsprechende Athmosphäre zu kreieren, Anachronismen zu vermeiden und hier und da ein liebevolles Detail einzubauen.

Wenn ich aber einen Politthriller schreiben möchte, der im selben Jahr spielt, ändert sich das. Dann genügt die richtige Athmosphäre nicht, es müssen auch Fakten her. Politische Hintergründe, Institutionen, Beziehungen zwischen Figuren, Hierarchien und und und. Der Rechercheaufwand wird hier um einiges höher ausfallen. Das heißt nicht, dass die Geschichte am Ende nicht auch eine sehr zentrale, vielleicht sogar handlungstragende Liebesgeschichte erzählt. Aber sie tut es unter einer anderen Prämisse. Das ist entscheidend für den Umfang der Recherche.

Wie mit vielem gibt es auch für das richtige Maß an Recherche keine allgemeingültige Antwort. Am Ende bleibt es ein Bauchgefühl, wo man mehr Wissen braucht und wo es genügt, etwas vielleicht anzudeuten. Wo man Dinge erklären muss, und wo man manchmal einfach über etwas hinweggehen kann.

Das Wissen der Charaktere

Ich kann und will an dieser Stelle kein Regelwerk entwerfen. Auf eine Notwendigkeit, die meiner Meinung nach absolut nicht verhandelbar ist, möchte ich jedoch hinweisen:

Ein Autor muss immer wissen und verstehen was die eigene Figur (gerade) tut.

Natürlich versteht nicht jeder Krimiautor den genauen chemischen Vorgang, der von Statten geht wenn eine der vielen Analysen von Tatortspuren vorgenommen wird. Das muss er auch nicht. Aber er muss verstehen wie das Ergebnis zur Ergreifung des Täters helfen kann. Er muss verstehen was für eine Art von Spur am Tatort gefunden werden muss, damit ein bestimmtes Verfahren überhaupt anwendbar ist. Er muss eventuell auch die Schwächen des entsprechenden Verfahrens kennen um sich abzusichern ob die Strategie, die er zur Überführung des Täters anwenden möchte, überhaupt sicher greifen kann.
Macht der Autor einen Spezialisten auf diesem Feld zu einer seiner Figuren, dann muss das Verständnis weiter gehen. Denn man kann nur erklären was man verstanden hat.
Natürlich kann er Lehrbuchdefinitionen abtippen und sie seiner Figur in den Mund legen. Das klappt aber nicht dauerhaft. Wenn man einem Charakter eine bestimmte Fähigkeit oder ein Wissen gibt, das permanent eine Rolle spielt, muss man souverän darüber schreiben können.
Dabei geht es nicht darum, zum chemisch begabten Analytiker zu werden, sondern darum, seine Fakten soweit zusammen zu bringen, zu überprüfen und zu durchdringen, dass man glaubhaft mit ihnen umgehen kann. 

Ein Beispiel:

Wenn meine Geschichte in einem Berliner Bordell spielen soll, ich mich aber mit dem ältesten Geschäft der Welt in unsrer Hauptstadt nicht auskenne, dann muss ich mir dieses Wissen aneignen, denn meine Figuren haben es. Sowohl Prostituierte als auch Zuhälter als auch Polizisten und potentielle Kunden werden in meinem Figurenensemble vermutlich vorkommen. Dementsprechend müssen diese wissen, wo einschlägige Etablissements sind, dass es in Berlin kein gesondertes Rotlichtviertel wie zum Beispiel in Hamburg oder anderen Städten gibt, ob es bei der Polizei ein Dezernat gibt, dass für diesen Bereich zuständig ist, wie ein Kontakt zwischen Kunde und der jeweiligen Prostituierten abläuft und so weiter und so fort. Das ist, ohne dass ich begonnen habe etwas zu erzählen, gesetztes Wissen für die Figuren. Sie haben es von Anfang an und es beeinflusst ihre Handlungen. Um diese glaubhaft wiederzugeben, muss ich dieselben Dinge wissen wie sie.

Wozu der Aufwand?

Man schreibt ein Buch in der Regel, damit es gelesen wird. Im Idealfall von möglichst vielen Menschen. Das setzt voraus, dass der Leser, der sich mit dem Machwerk eines Autoren niederlässt, für eine Weile dazu bereit ist, dem Autor alles zu glauben was er ihm erzählt. Samuel Taylor Coleridge hat das sehr treffend als willing suspension of disbelief bezeichnet.

Diese Art der Verbindung hat eine Art Vertragscharakter. Der Leser stellt die Bereitschaft zur Verfügung, seine Skepsis zurück zu lassen und sich auf die Fiktion einzulassen. Auf der anderen Seite steht der Autor, dessen Aufgabe es ist dafür zu sorgen, dass dies überhaupt möglich ist.
Gute Recherche trägt einen Teil zur Erfüllung dieser Aufgabe bei.

Ein Beispiel: 

Im Reichstag in Berlin geschieht ein Mord. Die Verfolgungsjagd führt Täter und Häscher aufs Dach, wo sich eine dramatische Szene ereignet weil einer der Verfolger den Halt verliert und das Dach entlang hinab rutscht. Der zweite Verfolger steht vor der Frage: rettet er seinen Kollegen oder verfolgt er den Täter weiter? Die Szene ist spannend, rasant geschrieben und würde den Leser bis ins letzte fesseln – wenn, ja wenn der Reichstag nicht nur über eine Kuppel und Flachdächer verfügen würde.

Jeder Leser will eine Geschichte glauben. Das aber muss der Autor einem möglich machen. Ich bin gerne bereit, anzunehmen dass im Reichstag ein Mord passiert. Auch mit der Annahme, dass sich jemand finden wird der den Mörder verfolgt, kann ich mitgehen und warte gespannt darauf was passiert. Diese willige Hingabe an eine Illusion wird aber in dem Moment gebrochen, in dem der Autor mir etwas vom Spitzdach auf dem Reichstag erzählt denn ich WEISS einfach, wie das Ding aussieht. Die Spannung löst sich in Wohlgefallen auf, ich werde aus dem Lesefluss gerissen und ärgere mich darüber dass der Autor sogar zu faul war, mal eben nachzuschauen wie genau das Gebäude, dass so zentral für seine Handlung ist, eigentlich aussieht. 

Mangelhaft oder gar nicht zu recherchieren bedeutet, den Leser nicht ernst zu nehmen. Es hinterlässt den Eindruck, dass man entweder davon ausgeht, dass der Leser ahnungslos ist und Fehler somit nicht bemerkt, oder dass es einem egal ist, wenn jemand aus dem Text herauslesen kann, wo man Wissenslücken bezüglich seines Stoffs hat und schlichtweg zu faul war, sie zu schließen.

Fehler passieren. Niemand weiß alles. Manche Dinge ändern sich zwischen Recherche und Veröffentlichung. Man kann von keinem Autor erwarten, alle möglichen Enden eines Spektrums erst vollständig auszurecherchieren, bevor er sich hinsetzt und etwas schreibt. Niemand würde je auch nur ein Wort zu Papier bringen.

Trotzdem ist Recherche unumgänglich, um ein gutes Buch zu schreiben. Es ist die Aufgabe eines jeden Autors, das was er produziert, möglichst wasserdicht zu gestalten.

Geschichten leben von spannenden Plots, interessanten Charakteren, unerwarteten Wendungen und großen Aufgaben. Der Erfolg eines Autors jedoch steht und fällt mit der Bereitschaft eines Lesers, seine Bücher in die Hand zu nehmen und zu lesen. Ein Leser, der sich nicht ernst genommen fühlt, wird kein Bedürfnis nach einem zweiten Buch eines Autors verspüren, der ihm dieses Gefühl vermittelt hat.

Rechere vs. künstlerische Freiheit

An dieser Stelle mag man den Eindruck gewonnen haben, dass umfassende Recherche nur eines bedeuten kann: den Tod der künstlerischen Freiheit.
Das ist sie nicht.
Sie ist ihr Anfang.

Autoren erschaffen Geschichten. Sie erzählen von Figuren die es nicht gibt, denen Dinge passieren die nie statt gefunden haben. Jeder Konflikt in einer Geschichte entspringt der Fantasie ihres Autors. Recherche ist dazu da, dem ganzen einen glaubhaften Rahmen zu verschaffen.

Dabei hat jedes Genre unterschiedliche Ansprüche. Je realistischer ein Setting, desto mehr Fakten müssen gegbenenfalls überprüfbar sein. Das bedeutet aber nicht, dass man nichts mehr erfinden kann. Die bereits bemühte Geschichte in Berlin verlangt zwar vom Autor dass er die Protagonisten nicht am Meer spazieren gehen lässt (es sei denn sie haben sich vorher ins Auto gesetzt und die gut 270 km in den Norden hinter sich gebracht) und dass er weiß dass der Reichstag nicht in Charlottenburg steht. Trotzdem kann er problemlos ein Café erfinden und es als den Lieblingsaufenthaltsort des Mörders verwenden ohne dass es dieses so oder so ähnlich irgendwo geben muss.

Das Verständnis dafür, wo man erfinden kann, wo die Realität Lücken hat, die man umfassend füllen kann und wo auch eine Geschichte an gewissen Normen und Fakten gebunden ist, ist ein grundlegend wichtiges für das Schreiben. Recherche dient dazu, herauszufinden was möglich ist.

Im historischen Roman füllt man die Lücken in den Biografien von Figuren, die langen Stunden einer Schlacht, von denen wir aus den Geschichtsbüchern nur wissen, dass sie geschlagen wurde.  Man fügt Figuren hinzu, die es gut und gerne gegeben haben könnte.
Im Krimi erfindet man ein Motiv und eine Tat, einen Täter und ein Opfer. Ein fiktiver Ermittler geht dann mit realen Mitteln auf die Spurensuche.
Im fantastischen Genre erfindet man Welten, erschafft ganze Völker, etabliert ein Magiesystem. Der Bewegungsablauf bei einem Kampf, sei es mit dem Schwert oder in einer wie auch immer gearteten Form von Kampfsport ist jedoch durch die Gegebenheiten des menschlichen Körpers und dessen Grenzen von Flexibilität und Geschwingkeit bestimmt.

Ein gutes Buch zeichnet sich unter anderem durch die gelungene Mischung aus Möglichkeiten und Grenzen, aus Fakten und Fiktion aus. Wenn diese Mischung stimmt, fällt dem Leser die willing suspension of disbelief leicht und er kann voll und ganz in die Geschichte eintauchen.

Die anderen Teile der Reihe:
 

Einführung: Fundiert Fantasieren - Recherche für Autoren 
Recherche #2: Die Quellen. Der Prozess.
Recherche #3: Der Umgang mit dem Wissen

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