Samstag, 8. Februar 2014

Recherche #2: Die Quellen. Der Prozess

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Nachdem geklärt ist warum man überhaupt recherchieren sollte, und in welchem Rahmen sich das ganze abspielen könnte, stellt sich folgerichtig die Frage: wie gehe ich vor?

Hier wie überall der nötige Disclaimer: DIE Lösung gibt es nur im Individualpaket. Will heißen, jeder tickt anders und wenn man es ein paar mal gemacht hat, wird sich bei jedem eine eigene Routine einstellen wie er von A nach B kommt und am Ende (im Idealfall) all die Informationen beisammen hat, die er braucht. Was ich hier gebe ist ein Leitfaden, wie man es machen könnte und wie es vielleicht erst einmal am einfachsten ist, wenn man bisher mit Recherche noch nicht viel am Hut hatte und vielleicht auch ein bisschen unter Berührungsängsten leidet.

Wie schon im Post zum Recherche-Umfang ausführlich erläutert, sind die meisten Antworten auf Fragen die Recherche angehen, abhängig davon, was genau man schreiben will. Während die genutzten Quellen bei mir auch jeweils stark differieren, bleibt sich eins immer gleich: mein erster Weg führt immer ins Internet. Weil ich ein sehr bequemer Mensch bin und weil ich es mag dass ich mir Informationen von dort einfach kopieren und speichern kann, ohne sie erst mühsam zu kopieren oder aus einem Buch abzutippen.

Manchmal genügt der Weg ins Internet, das kurze nachsehen eines Faktes oder Zusammenhangs. Für viele rechercheintensivere Projekte ist das nicht der Fall. Im folgenden möchte ich ein bisschen erläutern, wie bei mir für gewöhnlich der Einstieg in die Recheche aussieht. Die dann aufgelisteten Folgequellen stehen in der Reihenfolge, in der ich sie frequentieren würde, wobei sich das natürlich gelgentlich auch verschiebt. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass die Stadtbibliothek zu einem bestimmten Thema ein Buch hat, suche ich nicht lange auf Google sondern gehe direkt vorbei. Das versteht sich aber vermutlich von selbst.

Wikipedia

Die meisten Leute befragen, wenn Sie etwas nicht wissen, erstmal Tante Google (oder irgendeine andere Suchmaschine ihres Vertrauens). Oft genug ist dann die erste Seite auf der man landet, der Wikipedia-Artikel. Dankenswerterweise ist Wikipedia mittlerweile eine durchaus ernstzunehmende Quelle, wenn auch immer noch nicht zitierfähig.

Trotzdem ein Wort der Warnung: Hat man vor einen gesamten Handlungsstrang auf bestimmten Informationen basieren zu lassen, der nur funktioniert wenn diese sich auch genau so verhalten, prüft man das vielleicht sicherheitshalber nochmal in einer gesicherteren Quelle als Wikipedia.

Die Artikel dort geben jedoch meist einen guten Überblick. Die Informationen sind in der Regel verständlich aufbereitet und bereits struktuiert.
Das ist sehr hilfreich, wenn man sich einem Thema erst einmal nähern muss. Durch die internen Verlinkungen bekommt man zudem am schnellsten einen Grundstock an zusammenhängenden Informationen, an Hand derer man dann entweder weitreichend genug informiert ist um weiter schreiben zu können, oder eine Grundlage hat, auf der man weiter recherchieren kann.

Nachdem man ein breites Feld so erst einmal eingeengt habe, kann man sich im Rahmen dessen, was die Geschichte einfordert, weiter informieren (es lohnt sich übrigens auch immer, am Ende des Wikipedia-Artikels in die Quellen zu schauen, häufig findet sich da der eine oder andere gute Artikel oder auch der Hinweis auf ein Buch, das einem schon viel weiter hilft).

Mögliche Folge-Quellen:
  • Google/Google Scholar 
  • Google Maps / Streetview
  • Stadtbibliotheken
  • Universitätsbibliotheken (inkl. Datenbanken / Onlinepublikationen)
  • Experten

Google / Google Scholar

Nutzt man nicht Wikipedia, bietet das Internet unzählige andere Möglichkeiten, Informationen zu erhalten. Von professionellen Websites bis hin zu privaten Seiten mit umfassendem Inhalt gibt es ein breites Spektrum. Häufig muss man ein wenig herum probieren bis man auf etwas stößt, dass vertrauenswürdig und interessant ist. Gute Anlaufstellen sind immer websites von Universitäten, viele Onlinedatenbanken werden in Kooperationen mit einer Uni oder einer wissenschaftlichen Einrichtung geführt. Letztendlich lässt häufig schon der Internetauftritt selbst auf die Vertrauenswürdigkeit von aufbereiteten Informationen schließen.

Google Scholar ist eine feine Sache, wenn man gezielt nach wissenschaftlichen Publikationen suchen möchte. Es zeigt nur entsprechende Ergebnisse an, manchmal ganze Artikel, manchmal nur Literaturhinweise. Alles in allem auf jeden Fall sehr nützlich, um an gesicherte Informationen zu gelangen.

Google Maps / Streetview

Google Maps hat mein Leben unfassbar vereinfacht, meinen Rechercheaufwand selbst bei Kleinprojekten allerdings auch massiv verstärkt. Die Möglichkeiten, wirklichkeitsgetreu über Orte zu schreiben, die man nicht gut oder sogar noch gar nicht kennt, hat sich damit enorm erweitert und vereinfacht. Man kann sich die Stadt einfach anschauen, recherchieren wo U-Bahnen fahren, an welcher Straße ein Starbucks ist und wie ein bestimmtes Gebäude aussieht.
Ich benutze Maps und Streetview vor allem um abzusichern, dass Dinge authentisch sind. Vor allem wenn man seine Charaktere in der Nähe von bekannten Gebäuden/ Orten herumlaufen lässt, die vielleicht viele Leser selbst schon besucht haben, sollten die Basisfakten stimmen. Aber auch wenn es darum geht, einfach einen Eindruck davon zu bekommen, wie zum Beispiel eine durchschnittliche Straße in Birmimgham aussieht, kann man mit Streetview einfach ein bisschen durch die Stadt spazieren und hat dann einen authentischen Eindruck, den man in seiner eigenen Fiktion verarbeiten kann. Es kann allerdings auch passieren, dass man dann zwei Stunden später immer noch kein Wort geschrieben hat, dafür aber auf Hawai durch Honolulu "läuft"...

Stadtbibliotheken

Eigentlich selbsterklärend. Die meisten haben mittlerweile einen Online-Katalog, so dass man gemütlich von daheim aus nachsehen kann, ob zum gewünschten Thema etwas vorhanden ist oder nicht. Ansonsten lohnt sich immer der Weg zum Personal und die Nachfrage. Nützlich sind hier oft auch die Abteilungen für Schüler und Studenten, denn häufig finden sich dort themenspezifische Handbücher und Einführungslehrwerke, die für weniger komplizierte Recherchefragen oft völlig ausreichen.

Universitätsbibliotheken

Wer vor hat, ein etwas aufwändigeres Projekt anzugehen, das einen gewissen Rechercheaufwand zu einem bestimmten Thema einfordert, wird am Besuch einer Universitätsbibliothek nicht vorbei kommen. Ich verstehe jeden, der Respekt vor einer solchen Einrichtung hat und dem sie groß und unpersönlich erscheint. Trotzdem sollte man sich nicht davor scheuen. Nirgends sonst erhält man so leicht so viele Bücher und sonstige Informationen zu einer Unmenge an Themen.

Einen Nutzerausweis kann sich für gewöhnlich jeder ausstellen lassen, sollte es Beschränkungen geben werden diese vor Ort geklärt. Ich empfehle jedem, sich einfach einmal mit den Nutzungsbedingungen seiner ihm am nächsten gelegenen Uni-Bibliothek vertraut zu machen und dann einfach vorbei zu gehen und sich als Nutzer registrieren zu lassen.

Ein großer Vorteil den Universitätsbiliotheken bieten ist neben der ohnehin vorhandenen Fülle an Material die Möglichkeit der Fernleihe. Bücher, die nicht vor Ort sind, können für gewöhnlich kostenfrei bestellt werden. Auch seltenere Exemplare können aufgetrieben werden.

Das Suchen in den entsprechenden Online-Katalogen setzt meist ein bisschen Übung voraus, aber zum einen kommt man hinter vieles mit ein bisschen ausprobieren von allein (merke: Titelsuche ist wesentlich spezifischer als Schlagwortsuche und viele Autoren veröffentlichen Bücher zu genau dem Thema das man sucht unter einem Titel, der nicht einmal im Entferntesten etwas mit dem Inhalt zu tun hat), zum anderen gibt es meist Personal das ansprechbar und auch gern bereit ist, zu helfen.

Der allergrößte Vorteil ist jedoch: Die Rechner der Universitätsbibliothek sind an das Uninetzwerk angeschlossen. Ausnahmslos alle Unis verfügen über Lizenzen für Onlineausgaben von Fachzeitschriften und zu Datenbanken. Das ist insofern von nicht zu unterschätzendem Wert als das die Dinger für Privatpersonen nahezu unbezahlbar sind.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich an einem verregneten Nachmittag mal hinzusetzen, und sich ein bisschen mit dem Katalog der nächstgelgenen Universitätsbibliothek vertraut zu machen. Meist gibt es Verweise auf die verschiedenen Datenbanken, auf die zugegriffen werden kann. Auch ein Verzeichnis der über das Uninetzwerk verfügbaren Zeitschriftenarchiv findet man oft.

Zum Abschluss zu dem Thema noch folgendes: Oft findet man im Onlinekatalog dann den Vermerk, ein Buch sei nicht ausleihbar, aber in der entsprechenden Präsenzbibliothek eines bestimmten Lehrstuhls zu finden.
Geht hin!
Signatur des Buches aufschreiben, Bibliothek suchen, die Aufsichtsperson fragen wo man das entsprechende Buch findet und dann vors Regal stellen und sich freuen. Denn meistens steht das gesuchte Werk inmitten anderer Bücher zu haargenau demselben Thema, die man im Leben nicht durch eigene Recherche gefunden hätte (womit wir wieder bei dem leidigen Titel-Inhalt-Problem wären, wobei ich glaube, dass das ein Geisteswissenschaftler-Spleen ist, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag). Die meisten Präsenzbibliotheken haben dann auch eigene Ausleihregeln, so dass man Bücher zumindest über das Wochenende, manchmal auch für ein paar Tage länger mitnehmen kann.

Experten

Der direkte Kontakt mit einem Experten kann extrem hilfreich sein. Allerdings gilt es hier allem voran, eine goldene Regel zu beachten: Der Weg zum Experten ist der LETZTE den ich gehe, es sei denn er steht mir in meinem persönlichen Umfeld zur Verfügung und ist bereit, auch Anfängerfragen zu beantworten.
Andernfalls gilt: erst recherchieren, dann informierte Fragen stellen.
Grundsätzlich sind Experten im Zeitalter von Hompages und E-Mail-Adressen nicht schwer zu finden. Ist man an dem Punkt angekommen, an dem man fest stellt dass man ohne fundiertes Expertenwissen einfach nicht weiter kommt, weil man keine Antworten auf seine Fragen findet obwohl man gründlich recherchiert hat, kann man sich umschauen ob man jemanden findet, der sich mit dem entsprechendne Thema auseinandersetzt.

Ich persönlich habe diese Option noch nicht in Anspruch genommen. Sollte es nötig werden, würde ich mich vermutlich per E-Mail an den oder diejenige wenden. Man sollte hierbei zwei Dinge bedenken: die wenigsten Leute sind auf Ihrem Feld Experten geworden weil sie wenig arbeiten. Es ist also davon auszugehen dass der jeweiligen Person nicht besonders viel Zeit für Extra-Aktivitäten zur Verfügung steht. Dafür reden die meisten von ihnen aber sehr gern über ihr Thema. Es gilt also, ihnen deutlich zu machen dass man nicht vor hat, ihre Zeit zu verschwenden und gleichzeitig zu vermitteln, dass man ein echtes Anliegen hat.

Dementsprechend: Kurz erläutern warum man schreibt. spezifische Frage(n) stellen, evtl. kurz anfügen wo man schon jeweils nicht fündig geworden ist, sich schon einmal im Vornherein bedanken dass derjenige seine Zeit darauf verwendet. 

An dieser Stelle mag vielleicht Scheu aufkommen falls man noch nie etwas veröffentlicht hat. Ich finde aber nicht, dass man sich davon abhalten sollte. Wenn ich ein Anliegen habe, wird das nicht dadurch legitimiert, dass ich schon einmal veröffentlicht habe und diese Information dementsprechend eventuell auch ihren Weg in ein weiteres Buch schafft, sondern dadurch, dass ich schlicht und einfach etwas wissen möchte. Wer nicht fragt, kann keine Antwort erhalten.

Eine Warnung am Rande

Recherche ist meist kein linearer Prozess. Wenn es nur um Einzelfakten geht, sei es eine Jahreszahl, ein Todesdatum oder eine Entfernung, dann ist die Sache meist innerhalb einiger Klicks erledigt. Oft zieht eine gewonnene Information aber mehr oder minder konzentrische Kreise und beeinflusst das ganze Erzählungsgefüge. 
Häufig muss man dann nachjustieren, stellt fest dass die Idee, die man eigentlich hatte, an Fakten scheitert oder leider gar nicht so spektakulär ist, wie man dachte. Die Gefahr ist groß, das dann einfach zu ignorieren, und statt an der Geschichte lieber ein wenig an der Realität zu feilen. 

Tut das nicht. 

Früher oder später fällt jedem einmal eine seiner Ideen den eigenen Recheretätigkeiten zum Opfer. Meist bleibt es nicht bei einer. Das Beruhigende ist aber, dass immer neue nachkommen, und dass es oft die neu gewonnenen Erkenntnisse sind, die sogar dafür sorgen dass sie besser werden. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. 




Einführung: Fundiert Fantasieren - Recherche für Autoren 
Recherche #1: Was muss ich recherchieren? Wie frei ist ein Autor?
Recherche #3: Der Umgang mit dem Wissen



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