Die Schneeflocken-Methode

Ich schreibe schon ziemlich lang. Immer wieder. Immer etwas anderes. Nie etwas fertig. Ich habe immer, überall Geschichten im Kopf. Imaginäre Figuren die ich noch nicht einmal kennen gelernt habe führen in meiner Hirnschachtel Dialoge denen ich nicht folgen kann, weil mir keiner verraten hat worum es geht. Aber ich leide an Abbrecheritis. Egal ob 10, 15, 20 oder 100 Seiten geschrieben sind, ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts fertig geschrieben.

Na gut. Das stimmt nicht ganz. Wenn ich sehr sehr scharf nachdenke, komme ich auf ganze zwei Geschichten, die ein Ende unter dem Manuskript stehen haben. Die Qualität von beiden lässt allerdings auch, allein inhaltlich, mehr als nur ein wenig zu wünschen übrig. Ich zähle sie jetzt einfach deshalb, damit ich mich nicht ganz so erbärmlich fühle.

Meine übliche Methode - mit Krawall losschreiben, in 6 Tagen 100 Seiten runter reißen und das Manuskript dann nie wieder angucken - erscheint also nicht so funktionial.

Eine Alternative muss her.

Randy Ingermanson scheint sie zu haben. Auf seinem Blog advancedfictionwriting.com findet sich dieser Artikel über die Schneeflockenmethode. Grundsätzlich verbirgt sich dahinter ein Programm, bei dem man den Schreibprozess weniger dem Zufall überlässt und ein bisschen besser plant. Ziemlich gründlich plant, um genau zu sein.

Im ersten Moment ruft das den freiheitsliebenden Rebellen in mir hervor, der laut ruft dass dabei doch einfach nur die Kreativität stirbt, weil man die Geschichte tot plant. Ein kurzer Blick auf die Protestmotivation zeigt mir allerdings, dass hier eher die Faulheit dahinter steckt. Denn die Planung, das Strukturgeben verlangen Zeit und eine gewissen Disziplin. Die, wie die Beschreibung meiner bisherigen Schreibversuche schon vermuten lässt, in meiner Eigenschaftenliste eher erst ziemlich weit hinten kommt.

Was heißt Schneeflockenmethode nun genau? Am einfachsten lässt es sich auf Ingermansons Seite nachlesen, aber hier das Wichtigste in Kürze:


    1.  Verfassen einer Ein-Satz-Zusammenfassung des Romans. Je kürzer desto besser, keine Namen
          und mit Hinblick auf das große Ganze verfasst.

    2.  Dieser Satz wird zu einem Absatz ausgeweitet, in dem der grundsätzliche Aufbau, die
         Hauptkonflikte und das Ende des Romans zusammen gefasst sind.

Diese zwei Punkte stellen für Ingermanson quasi die Vogelperspektive auf das Werk dar. Danach ist es an der Zeit, tiefer in die Geschichte hinein zu gehen.

     3.  Charakterbögen der Hauptcharaktere.
  •  Name
  • Ein-Satz-Zusammenfassung der Geschichte des Charakters
  • Die Motivation des Charakters (was will er/sie auf abstrakter Ebene?)
  • Das Ziel des Charakters (was will er/sie konkret?)
  • Den Konflikt des Charakters (was hält ihn/sie davon ab ihr Ziel zu erreichen?)
  • Die Epiphanie des Charakters (was lernt er/sie; wie verändert er/sie sich?)
  • Ein Absatz in dem die Geschichte des Charakters ausführlicher zusammengefasst ist
Ingermanson betont immer wieder dass nichts hiervon perfekt sein muss, denn jeder der schon einmal geschrieben hat weiß, dass Geschichten konstanter Veränderung unterliegen. Zumal keiner meiner Charaktere mir je sofort alles über sich verraten hätte. Es geht darum Konfliktlinien zu erkennen, Logiklöcher früh zu entdecken und möglichst zu stopfen und ein Gefühl für Geschichte und Personal zu bekommen.

In den nächsten Schritten geht es dann darum, dem Plot mehr und mehr Substanz zu geben.

    4.  Die Zusammenfassung aus Punkt 2 dient nun dazu, den Plot weiter auszuformulieren. Jeder
         Satz wird wiederum zu einem Absatz ausgearbeitet. Jeder Absatz sollte im Idealfall in einem
         Konflikt (oder wie Ingermanson so schön sagt: disaster) enden. Im letzten Absatz wird das
         Ende geschildert.

    5.  Ungefähr eine Seite lange Zusammenfassungen zu allen Hauptcharakteren und jeweils cirka
         eine halbe Seite für die Nebencharaktere, verfasst aus der jeweiligen persönlichen Sicht der
         Figur.

    6.  Weiterer Ausbau des Plots auf cirka vier Seiten, wobei die Zusammenfassung aus Punkt 4
         als Grundlage genommen und wiederum erweitert wird. Das dient vor allem dazu, die Ge-
         samtlogik des Plots zu prüfen und zu entwickeln, und strategische Entscheidungen zu treffen.
         Vermutlich werden sich daraus Widersprüche zu den Charakterbögen und früheren Entwick-
         lungsstufen ergeben. Zeit, alles wieder auf Spur zu bringen.

    7.  Weitere Arbeit an den Charakteren. Jeder (wichtige) Charakter sollte so detailiert wie mög-
         lich ausgearbeitet werden, denn je besser man ihn kennen lernt, desto besser versteht man
         seine Handlungen und Motivationen. Daraus ergeben sich zu vermutender Weise weitere not-
         wendige Änderungen in den vorhergegangen Planungsphasen.

Hier beginnt der letzte Abschnitt der Vorbereitungen. Ingermanson bezeichnet ihn insofern als notwendig, als dass er es einem eventuell erspart, mit einem grauenhaften ersten Entwurf zu enden, der soviel Überarbeitung benötigt dass man jegliche Motivation verliert.

      8.   Die Zusammenfassung aus Punkt 6 dient hier als Grundlage. Auf ihrer Basis werden in einem
            spreadsheet sämtliche Szenen aufgelistet, die aus der Zusammenfassung einen Roman machen
            sollen. Folgende Informationen sollte die Liste enthalten (eine Zeile pro Szene):
  • Perspektivtragender Charakter
  • Handlungszusammenfassung
  • evtl. Schätzung Seitenzahl für die jeweilige Szene
           Der Prozess kann bis zu einer Woche dauern. Am Ende hat man aber eine sehr gute Über-
          sich darüber, was wann passiert, kann jeder Szene das entsprechende Kapitel zuweisen und
          Szenen nach Belieben verschieben ohne Gefahr zu laufen, sie zu vergessen.

      9.  (Optional)
           Erzählende Zusammenfassung der Geschichte an Hand der Szenenliste. Hier gäbe es
           die Möglichkeit eventuell gute Ideen für Dialoge aufzuschreiben und vor allem auch den
           jeweiligen Konflikt auszuloten. Eine Szene ohne Konflikt hat für Ingermanson keinen
           Nutzen und gehört somit getilgt.

    10.  Der eigentliche Schreibprozess beginnt und die erste Version kann / darf / soll an dieser
           Stelle geschrieben werden.



 Viel Arbeit, viel Planung. Ich werde berichten wie gut das für mich funktioniert, bin gespannt auf das Ergebnis und werde euch sicher an dem einen oder anderen Ergebnis auch teil haben lassen! An einigen Stellen wird die Technik sicher auf meine Bedürfnisse angepasst werden, aber im großen und ganzen ist der Plan, der Technik von Ingermanson zu folgen und zu sehen, wohin sie mich führt.








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